aus "Vincent"

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Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören Todesphantasien. Es war bei einem Familienurlaub, ich saß auf dem Rücksitz und schaute aus dem Wagenfenster. Während Mom, Dad, mein Bruder und ich dicht gedrängt im Auto über die Interstate nach Disney World rasten, stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn einer der drei oder alle stürben. Wahrscheinlich sagte irgendwer: „Harlan, du bist ja wirklich still“, aber ich kam da nicht heraus. Ich machte mich selber traurig.
Der Tod ist für mich etwas ganz Großes. Daran führt kein Weg vorbei. Er ist größer als jede Sache oder Idee und doppelt so groß wie das Leben. Jede Handlung jedes Tieres und Menschen wird indirekt vom Tod bestimmt. Wegen der Beschränkungen, die der Tod Raum und Zeit auferlegt, können sie sich nur an einem lächerlichen Bruchteil der dinglichen Welt erfreuen. Religionen sind entstanden, weil es darum ging, den Tod durch die Überhöhung des Jenseits zu rechtfertigen. Der Tod ist die ultimative Beschränkung, unter Umständen aber auch die ultimative Motivation.
Deshalb störte es mich zu erfahren, dass Vincent den Tod nicht so ernst nahm wie ich. Er behandelte ihn, als sei der Tod nichts. Er spielte damit, ähnlich wie die Drehbuchautoren von Blood Lust.
Ab seinem zweiten Jahr an der New Renaissance Academy hielt ich engen Kontakt mit Vincents Lehren und telefonierte jede Woche einmal mit ihm; auf Firmenkosten rief ich von St. Louis aus in Kokomo an. Ich wollte wissen, was er gelernt und was er geschrieben hatte, und vor allem, was in seinem Privatleben passierte. Vincents Lehrer für kreatives Schreiben bescheinigte dem Jungen ein hochentwickeltes Schreibtalent und einen sehr sicheren Umgang mit Symbolik und Ironie; allerdings wies er mich darauf hin, dass fast alle Geschichten Vincents gleich endeten, nämlich mit dem spielerisch und ironisch geschilderten Tod der Hauptfigur.
Vincent hatte eine Geschichte über einen sprechenden Bleistift geschrieben, der an Bleivergiftung starb. Dann eine andere über einen Truthahn, der an Thanksgiving verhungerte. In der Vorweihnachtszeit schrieb er über eine männliche Christbaumfigur, die sich in der Hoffnung, zum Engel befördert zu werden, die Haare lang wachsen liess. Als der Möchtegernengel statt dessen degradiert wurde, weil er weibisch aussah, brachte er sich um und wurde zu einem echten Engel namens Cupido stupido.
Auf Anweisung von höchster Stelle überzeugte Sylvain mich davon, dass ich Vincents Karriere und seinem zukünftigen Publikum einen Bärendienst erweisen würde, wenn ich ihm nicht eine ernste Lektion über das wichtigste aller Themen erteilte.
20.7.06 18:18
 


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