heute: C. Bukowski.

Revolution. Das klingt so romantisch. Ist es aber nicht. Es ist Blut, Härte und Wahnsinn. Es bedeutet gewöhnlich, daß eine ganze Reihe von Jungs draufgehen, bloß weil sie in die Mühle geraten sind ohne zu wissen, was eigentlich läuft. Oder dass dein Weib ein Bajonett in den Bauch gerammt kriegt und einen Schwanz in den Arsch, während du dabei zusehen darfst. Und dass Männer, die früher mit Begeisterung Mickey-Mouse-Hefte gelesen haben, einaner Streichhölzer unter die Daumennägel treiben. Bevor man sich darauf einlässt, sollte man sich vielleicht klar werden, wohin und wozu einen die Begeisterung eigentlich treiben soll, und was davon noch übrig sein wird, wenn die Sache gelaufen ist.
Ich bin nicht mit Dostojewski der Meinung, à la ''Schuld und Sühne'', dass ekiner das Recht hat, einem anderen das Leben zu nehmen. Tatsache ist, dass man uns in so und so vielen Fällen das Leben nimmt, ohne auch nur einen Schuss abzufeuern. Auch ich habe mich für einen miesen Stundenlohn auspowern lassen, während der Bonze in seinem Boudoir in Beverly Hlls die Vierzehnjährigen reihenweise entjungfert hat. Ich habe erlebt, dass Männer gefeuert wurden, weil sie fünf Minuten zu lang auf dem Scheisshaus gesessen haben. Ich habe Sachen gesehen, über die ich nicht mal reden will. Aber bevor man eine Sache beseitigt, sollte man etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen haben. Jedenfalls etwas Besseres als politische Latrinenparolen und Hasstiraden in Parks und öffentlichen Plätzen.
Und ausser diesem emotionalen Gefasel ist bisher nichts zu hören gewesen. Keine Spur von einem realistischen Konzept, keine Spur von Anführern, die wenigstens untereinander einig sind; nicht ein Hauch von Gewissheit, dass der Revolution ''nicht'' wie gehabt der Verrat an der gemeinsamen Sache folgen wird. Ich bin für Gewaltanwendung, wenn es keine andere Lösung mehr gibt (und es gibt keine andere mehr), aber bevor ich einen umlege, weill ich ''sicher'' sein, dass man mir nicht wieder ein ähnliches Kaliber an seine Stelle setzt. Auf die Tour haben wir bereits einen ansehnlichen Teil Geschichte verspielt, wie ein Haufen besoffener Würfelspieler im Männerklo unserer Stammkneipe an der Ecke.
O.K., es ist eine Sache, von Revolution zu faseln, während man einem anderen das Bier wegsäuft und mit einer 16 jährigen Ausreisserin aus Grand Rapids durch die Gegend walzt; oder während man 3 international bekannten Rattenfängern in den indischen Ozean folgt. Eine andere Sache ist es, die Show tatsächlich über die Bühne zu bringen.
1870-71 haben sie in den Straßen von Paris 20 000 umgelegt, die Straßen schwammen förmlich in Blut, und die Ratten kamen hervor und machten sich über die Leichen her; und die Bürger, ausgehungert, abgerissen und kirre, die Bürger kamen heraus und machten sich über die Ratten her. Und was ist Paris heute? Und mein Besucher auf dem Teppich gibt seinen braunen Snef dazu und grient in die Runde. Naja, er ist erst 20 und liest zuviele Gedichte. Und Lyrik ist nichts anderes als ein nasser Lumpen im Spülbecken.
Und dann >Pot<. Ständig nennen sie Pot in einem Atemzug mit Revolution. Aber ''so'' gut ist Pot eben auch wieder nicht; und wenn es morgen legal wäre, Pot zu rauchen, würden 50 % dieser Leute das Interesse daran verlieren. Und wenn Sodomie nicht mehr unter Strafe gestellt wäre, würden all diese Truthähne plötzlich umsonst mit dem Hintern wackeln.
Was wäre also zu tun? Eine ganze Reihe von Dingen. Zunächst würde man einmal mit dem Brauch aufhören müssen, derart ''fiese'' Visagen als Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Zweitens müsste mit den Museen etwas geschehen. Nichts ist so deprimierend und ''verstunken'' wie ein Museum. Und man fragt sich fast, warum der Prozentsatz an 3jährigen Mädchen, die in den Museen von frustrierten Zeitgenossen angefallen werden, nicht ''noch'' höher ist. In jeder Etage müsste also eine Bar sein; das allein würde schon die laufenden Ausgaben decken und möglicherweise auch noch die Restaurierung diverser Kunstwerke und des Säbelzahntigers, dem ständig das Sägemähl aus dem Arsch läuft. Als nächstes würde ich auf jeder Etage eine Rock Band, eine Swing Band und ein Sinfonieorchester installieren; plus drei oder vier gutausehende Weiber, die nichts als rumzulaufen und gut auszusehen hätten. Mit anderen Worten, zum ''Sehen'' und Lernen bedarf es erst mal einer geeigneten Atmosphäre, d.h. der Stall muss die richtigen ''Vibrations'' ausstrahlen. So wie es jetzt ist, werfen die Leute einen flüchtigen Blick auf das lädierte Hinterteil des Säbelzahntigers und drücken sich daran vorbei, etwas peinlich berührt und leicht gelangweilt.
Wie aber, wenn nun ein Typ mit seiner Alten ankommt, jeder einen scharfen Drink in der Hand, und sie begucken sich den Säbelzahn, und er sagt: >>Ver-dammt, schau dir bloß diese Beisserchen an! Fast wie'n Elefant, hm?<<
Und sie haucht: >>Honey, ich bin schon ganz geil. Gehn wir heim und schieben ein Nümmerchen!<<
Und er sagt:>>Mo-ment! Erst muss ich aber noch runter in die Halle und mir diese 1917er Spad ansehen. Es heisst, dass Eddie Rickenbacker sie selber geflogen hat. Siebzehn Fritzen damit vom Himmel geholt. Ausserdem sollen die PINK FLOYD da unten spielen.<<
Unsere Revolutionäre dagegen würden das Muesum einfach niederbrennen, damit wären für sie alle Probleme geritzt. Sie würden ihre eigene Großmutter abbrennen, wenn sie nicht schnell genug Leine ziehen würde. Und ''dann'' würden sie ankommen und fragen, wo denn heir der Wasserhahn ist und ob hier jemand ist, der mal schnell'n Blinddarm operieren kann, oder jemand, der was gegen die Irren tut, die ihnen bei Nacht die Hälse durchschneiden wollen. Und dnn würden sie mit Schmerzen feststellen, wieviele Ratten es in einer Stadt gibt - nicht die in Menschengestalt, sondern die richtigen -, und dass die Ratten die letzten sind, wenn es ans Ersaufen, Verbrennen und Verhungern geht. Die Ratten sind die wahren Revolutionäre; die gehen ganz pragmatisch vor, schon seit Jahrtausenden. Die Ratten, das ist der ''wahre'' Underground. Sie interessieren sich nicht für deinen Arsch, es sei denn, er hat die letzten Zuckungen schon hinter sich. Und auf indische Litaneien fallen sie auch nicht herein.
Ich will damit nicht sagen: schmeisst den Löffel fort und gebt auf. Auch mir liegt etwas am Fortbestand des wahren menschlichen Geistes. Nur lasst euch nicht verladen von den Jungs, die so zündende Reden halten und euch dann mit vier hartgesottenen Bullen und acht oder neun Typen von der Nationalgarde allein lassen. Die Schreier, die euch für die große Konfrontation präparieren, lassen sich gewöhnlich nicht mehr blicken, wenn die Schiesserei losgeht. Sie wollen am Leben bleiben, damit sie ihre Memoiren schreiben können.
Und unweigerlich stoßen zu den revolutionären Varietékünstlern auch die Propagandisten von der Abteilung Religion. Was Wunder, dass man bei diesem siamesischen Zwilling nicht mehr weiss, was vorne und hinten ist. Früher, da war die religiöse Masche noch in kompetenten Händen. Ich meine nicht die Kirchen - das war schon immer eine müde Angelegenhei -, sondern die kleinen weißgestrichenen Buden an der Straße. Man, ging es da rund. Ich hockte mich nachts immer rein, nachdem ich aus sämtlichen Bars geflogen war, und hörte zu. Es war allemal besser als nach Hause gehen und sich einen runterzuholen. Am besten florierte der Schwindel in Los Angeles, dicht gefolgt von New York und Philadelphia. Wahre Künstler waren das, diese Prediger. Ich bin ziemlich abgebrüht, aber die Burschen brachten mich fast so weit, dass ich mich in ekstatischer Verzückung auf dem Boden wälzte. Und man sah, dass die Typen selber noch gegen ihren letzten Kater ankämpften, ihre blutunterlaufenen Augen traten ihnen aus dem Kopf, und sie kreischten sich die Lunge aus dem Leib, bis sie wieder die nötigsten Moneten für eine Flasche Fusel oder eine Nutte oder was weiss ich zusammen hatten.
Inzwischen hat die Sache ziemlich gelitten; der liebe Gott vergaß, die Miete zu bezahlen oder die nächste Flasche auszufahren, und unter derart widrigen Arbeitsbedingungen baut man rapide ab. Gott fing an zu passen, und das Warten fällt einem schwer, wenn einem der Bauch bis in die Kniekehlen hängt, die Seele den großen Katzenjammer hat, die Lebenerwartung knapp 55 Jahre beträgt und man sich vergegenwärtigt, dass Gott sich zum letztenmal vor 2000 Jahren hat blicken lassen, und selbst da zeigte er nur ein paar billige Jahrmarktsnummern, liess sich von einem Genossen reinlegen und machte spontan den Schirm wieder zu.
''Gott hat seinen Platz im Apfelbaum geräumt, die Schlange und die Möse von Eden eingepackt, und jetzt sitzt Karl Marx oben und wirft mit den goldenen Äpfeln um sich.''
Wenn es zum Kampf kommt - wovon ich überzeugt bin; un dem verdanken wir unsere Van Goghs und Mahlers, unsere Gillespies und Charly Parkers - dann ist, was die Anführer angeht, Vorsicht am Platz, und bei dem einen oder anderen möglicherweise die Frage erlaubt, ob er, statt die Shell-Tankstelle an der Ecke abzubrennen, nicht vielleicht lieber im Aufsichtsrat von General Motors säße. Und wir fragen uns vielleicht, ob auch dieser Dubcek nur noch als halber Mann aus der Kälte zurückkommen wird...
Die Foyers der >Schönen Künste< und die Nester der >Revolutionäre< quellen über von unvorstellbaren verlausten Nieten, die ihren Kummer darüber, dass sie weder einen Job als Tellerwäscher finden noch dem Cézanne das Wasser reichen können, in Coca Cola ersäufen. Und in ihrem Innern herrscht die gleiche gähnende Leere wie in den Schokoladenhasen, die wir an Ostern unseren Kindern andrehen.
Aber, alt, wie ich bin, kann ich doch noch mit Befriedigung registrieren, DASS DER KLEINE MANN JETZT DEN KANAL VOLL HAT UND NICHT LÄNGER MIT SICH SCHLITTEN FAHREN LÄSST. Man kann es überall beobachten; in Prag und in Watts, in Ungarn und Vietnam. Es ist mehr als ein Auflehnen gegen die jeweilige Regierungsform. Es ist viel elementarer: Menschen, die sich nicht länger verarschen lassen von einer weißen Weihnacht à la Bing Crosby und von gefärbten Ostereiern, die man vor den Kindern versteckt, damit sich die Kleinen erst ABRACKERN müssen, um die Scheissdinger zu finden. Ein elementares unbehagen; und mir ist wohl dabei, ich schöpfe wieder Hoffnung. Die Jungen haben endlich angefangen, sich über gewisse Dinge Gedanken zu machen und verstehen es mehr und mehr, sich mit ihren Vorstellungen durchzusetzen. Ihre Sprecher nehmen das Risiko einer exponierten Stellung auf sich und werden der Reihe nach umgelegt. Aber die verhärteten Alten merken, dass ihnen der Teppich langsam aber sicher unter den Füßen weggezogen wird. Sie müssen sich darauf gefasst machen, dass sie sehr bald von einer Revolution abserviert werden, die sich in Form von ganz gewöhnlichen Wahlen abspielt. Vorausgesetzt, dass man ihnen überhaupt noch soviel Zeit lässt. Das ist eigentlich unser Dilemma, Jungs: entweder wir machen zu langsam und gehen dabei drauf, oder wir machen zu schnell und gehen dabei drauf...
Na ja, ich lass das mal so stehen. Langsam kriege ich Zerfallserscheinungen, ich werde müde, ich frage mich, wozu ich mir den Mund fusselig rede, ich hoffe, dass das alles doch irgendwie einen Zusammenhang ergibt, der Kopf sackt mir auf die Maschine, ich höre auf, warte auf morgen. Vielleicht komme ich aus der Tür und latsche auf eine Tellermine? Wen kümmert das schon. Hoffentlich kommt dann ein paar Lesern wenigstens das Mitagessen hoch...
3.6.06 13:35
 


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